Du fängst mit Yoga an. Drei Wochen lang jeden Tag, voll motiviert. Dann kommt der Stress, die Erkältung, das Leben. Du setzt einmal aus. Dann zweimal. Und irgendwann liegt die Matte nur noch in der Ecke und schaut dich vorwurfsvoll an.
Oder andersrum. Du übst wie verrückt, aber nur, weil du endlich den Kopfstand willst. Endlich ruhiger werden willst. Endlich anders sein willst. Und jeder Tag ohne Fortschritt fühlt sich an wie Versagen.
Beides kenne ich. Und Patanjali kannte es auch, schon vor 2000 Jahren. Seine Antwort steht im Yoga Sutra 1.12: Abhyasa und Vairagya. Üben und loslassen.
Die zwei Flügel

Stell dir einen Vogel vor. Mit nur einem Flügel fliegt er im Kreis. Er braucht beide.
Abhyasa ist die Praxis. Die Wiederholung. Das Dranbleiben, Tag für Tag. Das ist die Kraft, die dich nach vorne bringt.
Vairagya ist das Nicht-Anhaften. Das Loslassen von Erwartungen, von alten Überzeugungen, von Gewohnheiten, die dich klein halten. Das ist die Leichtigkeit, die dich trägt.
Nur Abhyasa ohne Vairagya wird zu Zwang. Du übst verbissen, setzt dich unter Druck und dein Nervensystem bleibt im Alarm. Nur Vairagya ohne Abhyasa wird zu Gleichgültigkeit. Du lässt alles laufen und nennst es Gelassenheit. Erst zusammen bringen sie dich weiter.
Was Patanjali in den Sutras 1.12 bis 1.16 sagt

1.12: Üben und Loslassen Die Bewegungen im Geist kommen durch zwei Dinge zur Ruhe: regelmäßige Praxis und Nicht-Anhaften. Yoga ist kein Ziel, das du einmal erreichst. Yoga ist ein Prozess, der nie aufhört.
1.13: Was Praxis eigentlich ist Abhyasa ist die Anstrengung, im Zustand der inneren Ruhe zu bleiben. Echte Fortschritte gibt es nur durch Ausdauer. Wer bei der ersten Durststrecke aufgibt oder alles nur oberflächlich ausprobiert, kommt nicht weiter. Heute Yin, morgen Breathwork, übermorgen ein neuer Kurs. Das ist Konsum, keine Praxis.
1.14: Wann die Praxis trägt Patanjali nennt drei Bedingungen. Übe über eine lange Zeit. Übe ohne Unterbrechung. Übe mit Hingabe. Nicht mechanisch abarbeiten, sondern mit dem Herzen dabei sein. Und das, was du erreicht hast, bleibt nur, wenn du weiterübst. Yoga ist wie ein Muskel.
1.15: Was Loslassen bedeutet Wir jagen ständig Dingen hinterher. Dem nächsten Job, dem perfekten Partner, dem Body, der Erleuchtung. Jedes Wollen sagt eigentlich: So wie es jetzt ist, reicht es nicht. Vairagya heißt, dieses ständige Greifen zu bemerken und es loszulassen. Es zählt die Praxis, nicht das Ergebnis. Und genau daraus wächst Gelassenheit.
1.16: Das, was bleibt Alles um dich herum verändert sich ständig. Dein Körper, deine Gefühle, deine Beziehungen. Dein innerstes Wesen bleibt. Wer das erkennt, kann seine Bedürfnisse und Sehnsüchte beobachten, ohne von ihnen getrieben zu werden. Das ist die höchste Form von Vairagya.
Vairagya ist nicht Wegdrücken

Hier passiert der häufigste Fehler. Viele verwechseln Loslassen mit Wegdrücken. Mit Positive Vibes Only. Mit »Ich bin darüber hinweg«, während es innen brodelt.
Das ist kein Vairagya. Das ist Sahne auf die Scheiße sprühen. Sie ist trotzdem noch da.
Echtes Loslassen hat eine Reihenfolge: annehmen, fühlen, loslassen, befreien. Du kannst nur loslassen, was du vorher in der Hand hattest. Ein Gefühl, das du nie gefühlt hast, kannst du nicht loslassen. Du kannst es nur verstecken. Und dein Körper merkt sich alles.
Ich habe das selbst erlebt. Als ich meinen Ex durchschaut hatte, war ich nicht wütend. Aber nicht, weil ich die Wut weggedrückt habe. Ich hatte sie vorher gefühlt, durchlebt, verstanden. Danach war da einfach nichts mehr, woran ich hätte festhalten müssen. Das ist Vairagya.
So bringst du Abhyasa und Vairagya in deinen Alltag
Für Abhyasa:
Klein statt groß: Lieber zehn Minuten jeden Tag als zwei Stunden am Sonntag. Dein Nervensystem lernt durch Wiederholung, nicht durch Intensität.
Gleiche Zeit, gleicher Ort: Mach deine Praxis zum Ritual. Morgens vor dem Handy, immer auf derselben Matte.
Eine Sache: Such dir eine Praxis aus und bleib drei Monate dabei. Nicht jede Woche was Neues.
Die schlechten Tage zählen doppelt: An Tagen, an denen du keine Lust hast, mach fünf Minuten. Das ist echte Praxis.
Für Vairagya:
Ergebnis-Check: Frag dich nach deiner Praxis nicht, ob du besser geworden bist. Frag dich, ob du da warst.
Greifen bemerken: Achte einen Tag lang darauf, wie oft du denkst: Wenn ich erst mal X habe, dann bin ich glücklich. Schreib es auf. Nur bemerken, nicht bewerten.
Ausatmen: Bei jeder langen Ausatmung innerlich sagen: Ich lasse los. Dein Körper versteht das schneller als dein Kopf.
Wo das im großen Bild steht
Abhyasa und Vairagya sind die Gegenmittel für die neun Hindernisse auf dem Yoga-Weg. Zweifel, Trägheit, Rückfälle, all das löst sich mit diesen beiden Flügeln. Mehr über die Hindernisse und den gesamten Weg liest du in meinem Beitrag über den 8-gliedrigen Pfad des Yoga.
Welcher Flügel ist bei dir schwächer? Das Dranbleiben oder das Loslassen?
Deine Julia

Hier geht es um Yoga mit Tiefgang: Philosophie, Mudras und echte Geschichten. Du bekommst keine Positive Vibes, sondern Übungen, die wirklich wirken.