Der 8-gliedrige Pfad des Yoga: Warum Yoga viel mehr ist als Asanas

Wenn die meisten Menschen Yoga hören, denken sie an Dehnen, Leggings und den herabschauenden Hund. Das ist ungefähr so, als würdest du ein Haus nach seiner Türklinke beurteilen. Asanas sind nur eines von acht Gliedern. Eins von acht!

Vor etwa 2000 Jahren hat der Weise Patanjali in den Yoga Sutras aufgeschrieben, was Yoga eigentlich ist. Gleich im zweiten Vers sagt er es ganz klar: Yoga ist das Zur Ruhe Kommen der Bewegungen im Geist. Und er beschreibt einen Weg dorthin. Acht Schritte, im Sanskrit Ashtanga, von ashta für acht und anga für Glied.

Diese acht Glieder sind keine Treppe, die du einmal hochläufst und fertig. Sie sind wie die Äste eines Baumes. Sie wachsen gleichzeitig und nähren sich gegenseitig.

1. Yama: Wie du mit anderen umgehst

Die Yamas sind die ethische Basis. Fünf Regeln für den Umgang mit der Welt um dich herum.

  • Ahimsa, Gewaltlosigkeit: Nicht verletzen. Weder andere noch dich selbst. Auch nicht mit Worten und auch nicht mit Gedanken.

  • Satya, Wahrhaftigkeit: Ehrlich sein. Zu anderen und vor allem zu dir selbst.

  • Asteya, Nicht-Stehlen: Nichts nehmen, was dir nicht gehört. Dazu zählt auch die Zeit und Energie anderer Menschen.

  • Brahmacharya, maßvoller Umgang mit Energie: Deine Lebensenergie nicht verschwenden. Nicht an Menschen, die dich aussaugen, nicht an Dinge, die dich leer machen.

  • Aparigraha, Nicht-Anhaften: Loslassen. Dinge, Menschen, Erwartungen, alte Geschichten.

Ahimsa beginnt bei dir. Wenn du dich jeden Tag innerlich fertig machst, weil du nicht genug bist, dann ist das auch Gewalt.

2. Niyama: Wie du mit dir selbst umgehst

Die Niyamas sind die fünf Regeln für deinen Umgang mit dir selbst.

  • Shaucha, Reinheit: Ein sauberer Körper, ein sauberes Umfeld, saubere Gedanken.

  • Santosha, Zufriedenheit: Annehmen, was gerade ist. Das heißt nicht, Sahne auf die Scheiße zu sprühen und so zu tun, als wäre alles toll. Es heißt, aufhören gegen das Jetzt zu kämpfen.

  • Tapas, Disziplin: Das innere Feuer. Dranbleiben, auch wenn es unbequem wird.

  • Svadhyaya, Selbststudium: Dich selbst erforschen. Deine Muster erkennen. Und die alten Schriften lesen.

  • Ishvara Pranidhana, Hingabe: Vertrauen in etwas Größeres. Loslassen, was du nicht kontrollieren kannst.

3. Asana: Die Körperhaltung

Endlich die Asanas. Wobei Patanjali damit ursprünglich vor allem eine Sache meinte: eine Haltung, die stabil und gleichzeitig angenehm ist, damit du lange sitzen und meditieren kannst. Sthira und Sukha, Stabilität und Leichtigkeit.

Die Asanas bereiten deinen Körper vor. Sie lösen Spannungen, die du jahrelang gespeichert hast. Dein Körper ist der absolute Wahrheitssprecher und auf der Matte zeigt er dir sehr genau, wo es eng ist.

4. Pranayama: Die Lenkung der Lebensenergie

Prana ist Lebensenergie, ayama heißt ausdehnen oder lenken. Über deinen Atem steuerst du dein Nervensystem. Ein langer Ausatem beruhigt dich, ein kräftiger Einatem aktiviert dich.

Aber Achtung. Wenn dein Nervensystem stark dysreguliert ist, können intensive Atemtechniken Panikattacken auslösen. Fang sanft an. Mit Zwang geht gar nix!

5. Pratyahara: Der Rückzug der Sinne

Das ist die Brücke zwischen außen und innen. Deine Sinne werden den ganzen Tag bombardiert. Handy, Werbung, Nachrichten, Lärm. Pratyahara heißt, die Aufmerksamkeit von außen abzuziehen und nach innen zu lenken. Wie eine Schildkröte, die ihre Beine einzieht.

Das ist heute wahrscheinlich das schwerste aller Glieder. Und das wichtigste.

6. Dharana: Die Konzentration

Dharana heißt, den Geist auf einen Punkt auszurichten. Auf deinen Atem, eine Kerzenflamme, ein Mantra, ein Chakra. Dein Geist wird abhauen. Hundert Mal. Und hundert Mal holst du ihn zurück. Genau das ist die Übung.

7. Dhyana: Die Meditation

Wenn die Konzentration mühelos wird, beginnt Meditation. Der Unterschied ist wichtig: Meditation ist keine Aktivität. Sie ist ein Zustand. Du kannst sie nicht machen, du kannst nur die Bedingungen schaffen, damit sie passiert.

8. Samadhi: Die Einheit

Das Ziel des Weges. Der Zustand, in dem Beobachter und Beobachtetes eins werden. Kein Ich mehr, das meditiert. Nur noch Sein. Die meisten von uns erleben das vielleicht für Momente. Und diese Momente verändern alles.

Die Hindernisse auf dem Weg

Patanjali war ehrlich. Er wusste, dass dieser Weg nicht gerade verläuft. Im Yoga Sutra 1.30 nennt er neun Hindernisse, die Antarayas:

  1. Vyadhi: Krankheit

  2. Styana: Trägheit, keine Lust

  3. Samshaya: Zweifel

  4. Pramada: Nachlässigkeit

  5. Alasya: körperliche und geistige Schwere

  6. Avirati: Abgelenktheit durch Sinnesgenüsse

  7. Bhranti Darshana: falsche Wahrnehmung, Selbsttäuschung

  8. Alabdha Bhumikatva: nicht weiterkommen, keine Fortschritte sehen

  9. Anavasthitatva: Erreichtes wieder verlieren, Rückfälle

Kommt dir davon was bekannt vor? Mir alles. Zweifel, Trägheit, Rückfälle. Das heißt nicht, dass du versagst. Das heißt, dass du auf dem Weg bist.

Was dir hilft, dranzubleiben

Patanjali gibt dir auch die Gegenmittel mit.

Abhyasa und Vairagya: Regelmäßige Übung und Loslassen. Lieber jeden Tag zehn Minuten als einmal im Monat zwei Stunden. Und dabei nicht am Ergebnis kleben.

Eine Sache zur Zeit: Konzentrier dich auf ein Prinzip, statt alles gleichzeitig zu wollen.

Die vier Haltungen aus Sutra 1.33: Freundlichkeit gegenüber den Glücklichen. Mitgefühl mit den Leidenden. Freude über die Guten. Gelassenheit gegenüber denen, die dir schaden wollen. Diese vier Haltungen halten deinen Geist ruhig. Die letzte hat mich aus einer manipulativen Beziehung rausgeholt, ohne dass ich voller Wut gehen musste.

Wie du den Pfad im Alltag lebst

Du musst nicht in einen Ashram ziehen. Fang klein an.

  • Morgens: Fünf Minuten Asana und Atem, bevor du aufs Handy schaust. Das ist Asana, Pranayama und Pratyahara in einem.

  • Tagsüber: Such dir ein Yama oder Niyama für die Woche aus. Zum Beispiel Satya. Wie oft sagst du Ja, obwohl du Nein meinst?

  • Abends: Zehn Minuten sitzen und atmen. Dharana und mit etwas Glück Dhyana.

Die acht Glieder hängen übrigens eng mit den fünf Hüllen des Menschen zusammen. Asana stärkt deinen Körper, Pranayama deine Energiehülle, Pratyahara und Dharana deinen Geist, Dhyana und Samadhi führen dich zur innersten Hülle. Mehr dazu liest du in meinem Beitrag über die 5 Hüllen.

In den nächsten Beiträgen gehe ich auf die einzelnen Glieder noch tiefer ein.

Welches spricht dich gerade am meisten an?

Deine Julia

Julia Moskvichov

Ex-Informatikerin, heute Yogalehrerin und Coach. Ich verbinde Körper, Psyche und Energie, weil dein Körper der absolute Wahrheitssprecher ist.

Hier geht es um Yoga mit Tiefgang: Philosophie, Mudras und echte Geschichten. Du bekommst keine Positive Vibes, sondern Übungen, die wirklich wirken.