Frag zehn Menschen, was Yoga ist, und du bekommst zehn Antworten. Sport. Dehnen. Entspannung. Irgendwas mit Atmen. Patanjali hat die Antwort schon vor rund 2000 Jahren gegeben. In vier kurzen Sätzen ganz am Anfang der Yoga Sutras. Und diese vier Sätze haben mit Leggings ziemlich wenig zu tun.
Das erste Kapitel der Yoga Sutras heißt Samadhi Pada. Es geht um den Geist und um Samadhi, den Zustand reinen Bewusstseins. Ein Zustand, in dem sich die Trennung zwischen dir und allem anderen auflöst und du alles, was passiert, mit Gleichmut betrachtest.
Und der Weg dorthin beginnt mit einem einzigen Wort.

Sutra 1.1: Jetzt
atha yoga anushasanam
atha: jetzt
yoga: Verbindung, Einheit, der Prozess dorthin
anushasanam: Lehre, Darlegung
Jetzt beginnt die Lehre des Yoga.
Klingt wie eine schlichte Einleitung. Ist es aber nicht. Das erste Wort der ganzen Yoga Sutras ist Jetzt. Nicht morgen, wenn du mehr Zeit hast. Nicht wenn die Kinder groß sind oder das Projekt fertig ist. Jetzt.
Yoga passiert nur im gegenwärtigen Moment. Und dieses Atha meint auch: Jetzt, wo du bereit bist. Wo du gemerkt hast, dass es so nicht weitergeht. Bei mir war dieses Jetzt der Burnout.
Sutra 1.2: Was Yoga ist
yogash chitta vritti nirodhah
chitta: Bewusstsein, Geist
vritti: Bewegungen, Wellen, Gedankenstrudel
nirodhah: Beruhigung, zur Ruhe kommen
Yoga ist das Zur Ruhe Kommen der Bewegungen im Geist.
Das ist die wichtigste Definition überhaupt. Sie ist Definition, Ziel und Methode in einem. Kein Wort über Körperhaltungen. Kein Wort über Flexibilität.
Im Yoga gibt es dafür ein Bild: den Affengeist. Deine Gedanken springen wie ein Affe von Ast zu Ast. Einkaufsliste. Was hat sie damit gemeint? Hab ich den Herd ausgemacht? Warum hab ich das damals gesagt? Den ganzen Tag, ohne Pause.
Und dieser Affe kostet dich Kraft. Ununterbrochenes Gedankenkarussell macht müde, vergesslich und unklar. Dein Nervensystem kommt nie zur Ruhe.
Das Wichtigste dabei: Du sollst den Affen nicht bekämpfen. Wer gegen seine Gedanken kämpft, macht sie nur lauter. Nirodhah heißt nicht unterdrücken. Es heißt innehalten. Den Affen beobachten, bis er von selbst ruhiger wird.
Und wenn du genauer hinschaust, merkst du: Die meisten Gedanken sind Geschichten. Geschichten darüber, wie du sein solltest. Wie andere dich sehen. Was passieren könnte. Sobald du sie als Geschichten erkennst, kannst du sie loslassen. Und du wirst zum Beobachter.
Sutra 1.3: Wer du wirklich bist
tada drashtuh svarupe avasthanam
tada: dann
drashtuh: der Seher, der Zeuge
svarupe: in der eigenen Essenz
avasthanam: Verweilen
Dann ruht der Seher in seinem wahren Wesen.

Stell dir deinen Geist als See vor. Wenn der Wind weht und Wellen schlägt, siehst du nur die Oberfläche. Spiegelungen, Bewegung, Unruhe. Wenn der See still wird, kannst du plötzlich bis auf den Grund schauen.
Genau das beschreibt Sutra 1.3. Wenn die Gedanken ruhig werden, siehst du, wer du wirklich bist. Nicht deine Rollen, nicht deine Muster, nicht deine Geschichten. Dein Kern.
Sutra 1.4: Was passiert, wenn der Geist unruhig ist
vritti sarupyam itaratra
vritti: Gedankenbewegungen
sarupyam: Identifikation, Gleichsetzung
itaratra: ansonsten, zu anderen Zeiten
Ansonsten identifiziert sich der Seher mit den Bewegungen des Geistes.
Und das ist unser Alltag. Du denkst nicht nur einen wütenden Gedanken. Du bist die Wut. Du hast nicht nur eine Angst. Du bist die Angst. Du verwechselst die Wellen mit dem See.
Dabei ist dein Wesenskern immer da. Unberührt. Egal was du erlebt hast, egal was andere über dich sagen, egal welche Programme in dir laufen. Er ist nur verdeckt.
Ich habe das in meinen Beziehungen zu einem manipulativen Menschen sehr deutlich erlebt. Solange ich mich mit meinen Gedanken identifiziert habe, mit meiner Schuld, meinem Zweifel, meinem Ich bin falsch, hatten sie die Macht. Als ich durch die tägliche Yoga-Praxis zum Beobachter wurde, konnte ich sehen, was passiert. Und ab da war es vorbei.
Drei Übungen für deinen Alltag
Für Sutra 1.1, das Jetzt: Stell dir drei Mal am Tag einen Wecker. Wenn er klingelt, halte inne und frag dich: Wo bin ich gerade? Was spüre ich? Drei Atemzüge lang nur da sein.
Für Sutra 1.2, den Affengeist: Setz dich fünf Minuten hin und zähl deine Gedanken. Nicht bewerten, nicht festhalten, nur zählen. Eins. Zwei. Drei. Du wirst staunen, wie viele es sind. Und irgendwann merkst du: Zwischen zwei Gedanken ist eine Lücke. Das ist Stille.
Für Sutra 1.3 und 1.4, den Beobachter: Wenn ein starkes Gefühl kommt, ändere den Satz in deinem Kopf. Statt Ich bin wütend sag: Ich bemerke Wut in mir. Dieser kleine Unterschied macht dich vom Gefühl zum Zeugen des Gefühls.
Wie es weitergeht
Die vier Sutras sind das Fundament für alles, was danach kommt. Wie genau du den Geist zur Ruhe bringst, erklärt Patanjali ab Sutra 1.12 mit Abhyasa und Vairagya. Und den ganzen Weg beschreibt er im 8-gliedrigen Pfad. Zu beiden findest du einen eigenen Beitrag hier auf dem Blog.
Wie laut ist dein Affe gerade?
Deine Julia

Julia Moskvichov
Ex-Informatikerin, heute Yogalehrerin und Coach. Ich verbinde Körper, Psyche und Energie, weil dein Körper der absolute Wahrheitssprecher ist.

Hier geht es um Yoga mit Tiefgang: Philosophie, Mudras und echte Geschichten. Du bekommst keine Positive Vibes, sondern Übungen, die wirklich wirken.